Lineares Radio in nonlinearen Zeiten

Wolfram Wessels

Wolfram Wessels
  Immer zahlreicher werden die Angebote von Audios im Internet, immer neue Verbreitungsmöglichkeiten werden von den Rundfunkanstalten erschlossen. Viele entwickeln sich zu multimedialen Unternehmen, die sich als Content-Produzenten für verschiedene Ausspielwege verstehen. Der Hörer wird dabei als Medienkonsument wahrgenommen, der sich aus den diversen Angeboten das für ihn gerade passend erscheinende zusammensucht. Und falls er das nicht selbst tun möchte, besorgt es ein Algorithmus für ihn. Im personalisierten Radio wird die Zukunft vermutet.       Wer das Stichwort Radio bei Google eingibt, bekommt als ersten Treffer die Internetseite Radio.de angeboten: „Online Radio, Webradio, Internetradio & Musik kostenlos hören“. Bei Hörfunk immerhin den Wikipedia-Artikel der so beginnt: „Hörfunk bzw. Radio ist ein Medium zur Verbreitung von Information und Unterhaltung in Form von Tönen wie Musik und Sprache.“  Und wer Rundfunk eingibt landet zuerst bei Rundfunkbeitrag.de. Unter Radioprogramm werden die Sendepläne verschiedener Anbieter gezeigt. Die Begriffsbildungen sind unscharf, ungenau und unvollständig -  nicht nur im Internet. Was z.B. haben Webradio und Hörfunk miteinander zu tun, wie unterscheidet sich personalisiertes Radio von Rundfunk?  Was ist lineares Radio?       Linearität kennzeichnet die Abfolge von Sendungen, Zeichen und Texten. Buchstabe folgt auf Buchstabe, Satz auf Satz, Buchseite auf Buchseite. Sie ist vom Rezipienten her gedacht, der irgendwann anfängt und irgendwo aufhört. Geschichten haben einen Anfang und ein Ende, Sendungen auch, das Programm nicht. Es geht grundsätzlich ins Unendliche und lebt von der Wiederholung und Variation. Das Internet hingegen erlaubt durch link und hypertext dir Verbindung von Allem mit Allem, es ist von daher nonlineare angelegt. Aber ist das ein taugliches Modell für andere Medien oder doch nur ein theoretisches Konstrukt? Stellt der Internet-User und -Rezipient nicht seine eigene Linearität her, weil er als  Mensch gar nicht anders wahrnehmen kann? Sind daher nonlineare Narrative in einem linearen Radioprogramm überhaupt möglich? Als Hörer nehme ich schließlich alles nur nacheinander wahr, eine Sendung nach der anderen. Das macht ihre Abfolge so wichtig.       Rundfunk bezeichnet einen technischen Vorgang: ausgehend von einem Funken verbreiten sich Wellen strahlenförmig im Raum. Dieser Strahl (lat. radius) kann vom Publikum empfangen werden, das der Sendende nicht kennt. Aber er ist entscheidend, der Sender hat eine Botschaft, oder sollte zumindest eine haben, die er einer diffusen Öffentlichkeit übermitteln möchte. Demgegenüber müssen Internet-Nutzer sich ihre Informationen auf dem entsprechenden Server abholen. Sie finden nur, was sie suchen, oder ihnen ein Algorithmus präsentiert. Ein fundamental anderer  technischer Vorgang, der Konsequenzen hat für die Art der öffentlichen Kommunikation und einen tiefgreifenden Strukturwandel von Öffentlichkeit generell nach sich zieht. Die Schelte der Mainstream-Medien und die „Lügenpresse“-Polemik sind nur die ersten Anzeichen dieses Wandels. Zunehmend wird das aktuelle Mediensystem als hierarchisch kritisiert und teilweise abgelehnt. Mittels podcast, soundcloud und anderer Publikationen in sozialen Medien probt der Konsument längst den Aufstand. Er kann sich organisieren. Spezialisten können sich in Foren austauschen und in Archiven und auf Plattformen ihre Interessen verfolgen. Die kleinsten Zielgruppen können hier erreicht werden – von wem auch immer.           Ob dadurch allerdings der von Bertolt Brecht und seinen Nachfolgern als Distributionsapparat kritisierte Rundfunk im Internet zu einem Kommunikationsapparat wird, ist fraglich. Wird nicht lediglich eine Vervielfachung der Distributionsmöglichkeiten erzeugt, während unterdessen die Adressaten aus dem Blick geraten? Indem der Rezipient aus seiner Konsumenten-Rolle heraus tritt und selbst zum Produzent wird – und sei es seines eigene Programms -, rezipiert er oft nur noch das, was er selbst in die Welt gesetzt hat und von dort als Echo zurückkommt. Er landet in seiner eigenen Filterblase, in der Kommunikation zur Selbstbestätigung degeneriert.       Lineares Radio funktioniert grundsätzlich anders. Überlegungen zum Programm und seiner Dramaturgie stehen im Zentrum: Was sende ich wann auf welcher Welle. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sehr sich die Konzepte gewandelt haben. Schulfunksendungen wurden am Vormittag während der Schulzeit gesendet, damit sie sich in den Unterricht integrieren ließen, Kinderfunk gab es am frühen Nachmittag, nach Schule oder Kindergarten. Vorträge zu Spezialthemen für Berufstätige nach Dienstschluß am frühen Abend, Sendungen für die Hausfrau gerne auch mal am Vormittag. Hörspiel und Feature waren als Alternative zu Theater- oder Kino-Besuch nach 20 Uhr platziert, Konzerte und Opern ebenfalls. Und am Samstagabend gab es den unterhaltenden Bunten Abend.       Die sozialen Verhältnisse änderten sich seit diesen Anfängen in den 1920er Jahren mehrfach und die Gestaltung der Radioprogramme mit ihnen. Frauen wurden zunehmend berufstätig und hatten vormittags keine Zeit mehr zu hören, die Lehrpläne erlaubten nicht länger das gemeinsame Radiohören während des Unterrichts und das Fernsehen kam am Abend als Unterhaltungs-Konkurrenz hinzu. Dafür bot das vermehrte mobile Hören im Auto und mit Transistorradios zusätzliche Möglichkeiten. Seit den fünfziger Jahre konnten  die Aufgaben neu verteilt werden, die Zuteilung neuer Frequenzen erlaubte es,  die Programm-Angebote zu diversifizieren. Während sich die Vollprogramme im Tagesverlauf an wechselnde Zielgruppen wandten, sollten nun Spartenprogramme auf einzelne Zielgruppen zugeschnitten werden.  In den Siebzigern nahmen die Ausdifferenzierungsbewegungen an Fahrt auf:  Familien-, Pop-, Kultur- und, Informationsprogramme entwickelten sich und folgten eigenen Dramaturgien, die sich zumeist am Tagesverlauf des jeweils anvisierten Publikums und seiner Interessen orientierten. Die Differenzierung erfolgte zunehmend nach Musikfarben, später kamen Altersgruppen hinzu: die jungen Wellen, die Familienprogramme, die Infowellen, die Kulturprogramme für die älteren Hörer. Auch wenn die Medienforschung dringlich auf Interessen und Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe hinweist, entscheidend bleibt der Angebotscharakter der Programme, der sich noch immer vom Bildungsauftrag des Mediums ableitet. Im Internet spielt der Bildungsauftrag hingegen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Inhaltliche Wertigkeiten treten als Erfolgskriterium zurück hinter  der Auffindbarkeit und dem Ranking in Suchportalen.       Nun stellt sich die Frage, wie das herkömmliche, bewußt gestaltete lineare Radioprogramm auf die Veränderungen der Medienlandschaft reagiert. Das Internet ist keineswegs nur ein weiterer Ausspielweg, es ist ein eigenes Medium mit eigenen Regeln, Gesetzen  und Möglichkeiten. Die Rundfunkanstalten tummeln sich ja bereits fleißig auf diesem Feld. Aber was bedeutet das für ihr Kerngeschäft, die Verbreitung linearer Programme? Nach wie vor wird Radio von über 70 % seines Publikums auf traditionelle Weise gehört. Und noch immer ist die Ausstrahlung die Grundlage  für die Produktion neuen Contents auch für diverse online-Verbreitungen. Selbst die Nutzung „online first“ impliziert noch immer: „Sendung second“. Aber was bedeutet das für deren Anordnung, deren Dramaturgie in einer linearen Abfolge? Insbesondere bei den Kulturwellen mit ihren längeren Hörspiel- und Feature-Sendungen, den ausführlicheren politischen Hintergrundsenduntgen,  Konzert- und Opern-Übertragungen stellt sich die Frage.   Können z.B. die regelmäßigen Nachrichten so bleiben wie sie sind bei steigender Nutzung von Nachrichtendiensten auf mobilen Geräten? Neben Infowellen haben auch öffentlich-rechtliche Anstalten News Apps auf dem Markt. Sind die Zeitzeichen zur vollen Stunde nicht längst ein Anachronismus, weil sie je nach Ausspielweg (UKW, DAB+, Internet, Satellit) zeitversetzt beim Hörer ankommen? Hat das Radio damit als zeitlicher Lotse durch den Tag ausgedient? Liefert die zeitsouveräne Nutzung von Audio-Inhalten im Netz nicht neue Möglichkeiten, neue Freiheiten bei der Gestaltung eines linearen Programms, dessen Dramaturgie? Es gibt bereits Versuche und Ansätze, Hörspiel und Feature neue Sendeplätze zuzuweisen, Informationsangebote neu zu gewichten und mit gezielten Sonder- und Schwerpunktthemen auch in den Sendelängen zu variieren. Denn zeigt sich nicht auch im Hype um Serien-Formate, die dann häufig doch am Stück gehört werden, ein Bedürfnis nach längeren Formen? Weil noch immer der weitaus größte Teil der Radiohörer die Programm linear rezipiert, er aber gleichzeitig Internet-User ist, betreffen ihn derartige Überlegungen unmittelbar. Es ist an der Zeit, ihn ernst zu nehmen und neu ins Zentrum zu rückten, indem er als Adressat, als aktiver Rezipient wahrgenommen wird. Seine Nachfrage nach bestimmten Inhalten könnte schließlich erst durch ein entsprechendes  Angebot erzeugt worden sein.                                                                                                                                                            Wolfram Wessels  

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