Anleitung zum subversiven Hören 2015

13.01.2015

Was wir wollen:

Gutes Audio wann, wie und wo wir es wollen: Lineare Radioprogramme sind toll, vor allem wenn man ohne konkrete Absichten hört. Bestimmte Inhalte wie Features, Dokus und Reportagen brauchen aber Zeit zum Hören. Die haben wir nicht, wenn sie gesendet werden. Deshalb müssen alle Inhalte on demand verfügbar sein. Für Desktop, unterwegs und in jeder beliebigen App, und das unbegrenzt.

Gute Geschichten und mehr Serien/Shows, die sich nicht in 1.30 erzählen lassen: Wenn wir etwas hören wollen, haben wir meist auch die Zeit dazu. Warum also nicht längere Beiträge spielen, die eine Geschichte so lange erzählen, wie sie spannend ist? Gerne kann im terrestrischen Radio eine gekürzte Version laufen, die in die Stundenuhr passt. Im Netz haben wir die Begrenzung aber nicht, brauchen und wollen sie auch nicht.

Mehr Aufmerksamkeit für die vielen tollen Programme, die wir jetzt schon haben: Wir müssen nicht immer über den Teich schauen, um gute Radiostücke zu finden. Wir haben so viele schöne Programme in allen Wellen, wir finden Sie teilweise nur nicht. Das liegt daran, dass viele Features zu schwierigen Zeiten gespielt werden und teilweise viel zu selten im normalen Programm angekündigt werden. In Dänemark werden spannende Radioprogramme mit aufwendigen Promos in TV und Radio beworben.

Mehr Raum und Sicherheit für Experimente, die auch scheitern dürfen: Ein deutsches Serial ist möglich, allerdings müssen wir guten Radiomachern die Chance geben, sich auszuprobieren. Radiolab hat Jahre gebraucht, bis es seinen eigenen Sound und Stil gefunden hat. Diese Zeit, dieses Vertrauen und auch eine finanzielle Sicherheit brauchen wir hier für neue Ideen auch.

Wie wir das bekommen:

Medien(nutzungs)forscher in den Sendehäusern lieben Resonanz. Qualitativ und quantitativ, am besten mit Anschlusskommunikation.

Redet und teilt: Wenn euch ein Beitrag gefallen hat, teilt, twittert ihn und sprecht darüber. Gute Inhalte brauchen Aufmerksamkeit und die bekommen sie am besten, indem man über sie spricht.

Feiert gute Programme. In den USA gibt es das Third Coast International Audio Festival, nur für gutes, innovatives Audio. Hier geht es nicht um die beste Morningshow, den besten Claim, sondern um geniale gebaute Beiträge. Einmal im Jahr treffen sich hier alte und neue Radiomacher, hören und diskutieren Programme. In Deutschland haben wir auch einige Initiativen für gutes Radio, wie die Rendsburger Symposien für akustische Medien, den deutschen Radiopreis (teils) und zum Beispiel die IFC (International Feature Conference), die zwar nicht nur in Deutschlands stattfindet, aber Featuremacher weltweit vernetzt und immer wieder auf neue Ideen bringt. Und trotzdem: Da geht noch mehr, gerade was Veranstaltungen für die breite Masse angeht!

Hört, hört, hört - mehr als möglich: Zahlen sind eigentlich lästig, weil sie den Erfolg oder die Qualität eines Programms angeblich messbar machen. Das können wir aber ausnutzen: Abonniert so viele Feeds von Programmen, wie ihr könnt. Am besten nicht nur die, die ihr hört, sondern auch alle, die ihr gerne hören würdet, auch wenn euch dafür die Zeit fehlt. Ladet die Episoden runter, auch wenn ihr wisst, dass ihr sie erst einmal nicht alle hören könnt. Je mehr Downloads und Streamzugriffe, desto besser. Wenn jedes gute Programm eine große Resonanz bekommt, haben wir bessere Argumente für mehr guten Inhalt. Natürlich gehört auch wirkliches Hören dazu. Nehmt euch pro Tag 20, 30 oder gerne auch mehr Minuten Zeit, um die schönen Stücke zuhören, die ihr fleißig geladen habt ("every day is a radio day"). Und danach nicht vergessen: Teilt und redet!

Der Punkt ist etwas schwieriger hier bei uns ... Bezahlt gute Inhalte. Ja, wir haben viele schöne Inhalte im öffentlich-rechtlichen Radio. Dafür bezahlen wir auch relativ viel Geld. Wenn aber jeder von uns noch ein paar Euro, egal ob einer, einhundert oder eintausend im Jahr für gute neue Ideen bereitstellt, bekommen wir vielleicht die Innovation, die uns jetzt noch fehlt. Und die haben wir dann gefördert, keine öffentlichen Strukturen. Wenn das nicht klappt, dürfen wir wenigstens begründet meckern.

Und nicht zu vergessen: Wer kann, der soll auch machen. Wenn ihr die Chance habt, probiert alles aus. Wir sind euch nicht böse, wenn ein Stück mal daneben geht. Klar, es ist schwer, aus gewohnten Bahnen auszubrechen und es braucht mehr Zeit. Aber es lohnt sich: Schaut euch an, wie viel Spaß und Erfolg eure US-Kollegen haben.

Wenn wir, Hörer und Macher, uns zusammentun und selbst daran arbeiten, dass wir das Radio bekommen, was wir wollen, wird sicherlich nicht schlagartig alles perfekt und genau so, wie wir es wollen. Das Potential dafür ist aber da und es wäre schade, wenn wir es nicht versuchen würden. Also lieber hoch zielen und scheitern, als sich mit etwas Mittelmäßigem zufrieden zu geben.

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