RadioRevolten

radiospace is the place

„Radiospace is the place“ war das Motto. Was spielt sich ab im Raum, den das Radio eröffnet? Schon immer sehr viel, nur scheint sich der Raum von seinem Schöpfer, dem Radio zu emanzipieren. Braucht dieser Raum noch ein Medium? Aber wie erlangt man sonst Zugang zu ihm? Und was passiert in dem Raum? Das Medium Radio und seine Botschaft fallen immer weiter auseinander. Das Radio der Radiokunst meint ja auch weniger den Transmitter, als das technische tool, das zum Material der Kunst wird. Sound-Art hat es schon immer so verwendet, nicht nur, aber auch. In einer Schleife wurde es wieder eingespeist in das Radio mit seinem Programm und seinen Restriktionen. Heute gibt es andere einfachere Verbreitungsmittel, die meisten über das Internet. Sie müssen nur ihr Publikum selbst finden, können nicht auf das angestammte des Radios zurückgreifen. Radio hat ein Publikum, das Internet nicht, es hat user. Eine Revolte fand in Halle nicht statt. Es sei denn man beschreibt sie als echte Re-Volte, eine Zurückwälzung. Jetzt, wo das Zeitalter der Wellen und Archive zuende geht, entdecken es die Künstler neu. Das Rauschen, Knistern und Knastern, aufgrund dessen früher Radios abgeschaltet wurden, erhält im Angesicht des stummen Internets  Kultstatus. Die Mittelwelle wird angeschaltet und UKW gefeiert, zur Sicherheit gibt es ja noch den live stream. „Das Medium ist die Botschaft“ galt nicht erst seit Marshall McLuhan, schon die ersten Radiomacher spielten damit: Hans Flesch in den zwanziger Jahren: „Zauberei auf dem Sender“, Friedrich Bischoff mit „Hallo, hier Welle Erdball“. Um zu wissen, welche Botschaft das Medium hat, müßte man ergründen, was es auszeichnet und charakterisiert, und ob sich die Botschaft nicht längst emanzipiert hat. Ein Medium ist ein Mittler zwischen einem Sender und einem Empfänger. Es hatte schon immer eine soziale Funktion. Auch das alte UKW Radio war ein social medium. Es wurde nur erweitert bei facebook, twitter und co. Deren Inhalte sorgen nicht mehr nur außerhalb des Mediums für Gesprächsstoff (und sind damit community-bildend) sondern innerhalb des Medium. – und welche Botschaft ist/hat das Internet? Oder gilt McLuhan nicht mehr und dieses Medium ist/hat keine Botschaft? Aber wo bleibt dann ihr Content? Es macht keinen Sinn, wenn Radiokünstler sich zurückziehen auf eine wohlfeile Medienkritik, die die Anonymität des terrestrischen, analogen Empfangs preist, und das total kontrollierte Internetradio verdammt, während sie gleichzeitig auf ihren smartphones checken, ob stream und download funktionieren. Back to the future – the future is back. Aber es ist die Zukunft von gestern.   Auch die Archivierungsfrage stellt sich neu, sie handelt ja explizit von der Zukunft der Vergangenheit. Oder stellt sie sich gar nicht mehr, weil ohnehin alles in Massenspeichern für alle Ewigkeit aufbewahrt wird. Tatsächlich? Noch gibt es keine Erfahrungen mit dieser Technik, dafür ist sie zu jung. Und die Geschichte von CD, DAT und Minidisc zeigt, wie schnell Gespeichertes verschwinden kann. Und was bei den permanenten Kopierprozessen der Massenspeicher tatsächlich mit dem Ursprungssignal passiert, weiß auch noch keiner so Recht. Ein Archivar, der es wissen muß, sprach schon vor Jahren von unerklärlichen Artefakten, die er bei digitalen Kopierprozessen gelegentlich beobachtete. Abgesehen davon sind Speicher keine Archive. Sie doppeln die akustische Wirklichkeit allenfalls. Es wird nun Suchmaschinen brauchen, die mit big data Verfahren die Bestände scannen und die Aufgabe der Archivare übernehmen. Ob das ein Vorteil ist? Archive speichern nicht nur Geschichte, sie haben selbst eine, sie sind Geschichte. Sie spiegeln gerade durch ihre Verluste, ihr Lücken, ihre Auswahl, was eine Zeit für aufbewahrenswert hielt oder nicht. Da wird die Repertoirefähigkeit durchaus zu einem wichtigen Kriterium. Wenn Band-Material knapp ist, muß eine alte einer neuen Aufnahme weichen, wenn man sich von ihr eine größere Zukunftsfähigkeit verspricht. Das mögen spätere Generationen anders sehen. Aber erlaubt es nicht einen präziseren Umgang mit Geschichte? Archive sind nicht tot, sondern in einem stetigen lebendigen Prozeß des Überprüfens und Neuordnens begriffen. Die ungefilterte Anhäufung von akustischem Material zeugt von Beliebigkeit und der Verweigerung von Werturteilen, die letztlich für einen historischen Umgang mit Archivalien entscheidender sein können, als diese selbst. Vielleicht steckt dahinter die Hoffnung, big data oder ein Plattencrash mögen uns die Arbeit abnehmen. Von historischem Bewußtsein zeugt das nicht. Eher von postmodernem anything goes. Aber auch die Postmoderne ist längst Geschichte. „Radiospace is the place“ - jeder Platz braucht Grenzen, die ihn von anderen unterscheidbar machen. Auf der Tagung wurden sie gesucht und nicht gefunden. 

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