"Radio" mit Weitsicht

02.01.2015

Die Summe klingt für unsere Verhältnisse fast schon astronomisch hoch: Das Podcast-Kollektiv Radiotopia (unbedingt anschauen und anhören) hat 2014 mehr als 620.000 US-Dollar auf der Crowdfunding-Platform Kickstarter eingesammelt. Aktuell haben sich hier sieben Podcast-/Radio-Shows zusammengetan und eine Art Indie-Label für narrative Audioformate im Netz gegründet. (Teilweise werden die Shows direkt als Podcast produziert, teilweise laufen gekürzte Versionen im linearen Radio.) Die Shows bewerben sich in ihrem Programmen gegenseitig, indem sie am Ende einer Episode auch die anderen Podcasts mit Ausschnitten anteasern. Das Ziel: Möglichst hohe Hörerzahlen für jedes Programm. Besonders waren für mich auf Kickstarter die Stretch Goals, weil sie zeigen, dass es bei Radiotopia um mehr als cleveres Marketing geht. Stretch Goals sind Ziele, die sich die Initiatoren setzen können, wenn sie während einer Kampagne mehr Geld einnehmen, als für das ursprüngliche Ziel nötig ist. Statt das Geld einfach zu behalten, wollen die Macher nach eigenen Angaben das Public Radio in den USA grundlegend verändern. Das fängt bei Gleichberechtigung und Diversität an. Podcasts von Frauen werden weniger gehört, obwohl es dafür natürlich keinen objektiven Grund gibt. Deshalb sollten mit dem ersten Stretch Goal (400.000 USD) speziell Podcasts gefördert werden, die von Frauen produziert werden. Mit weiteren 25.000 US-Dollars sollte Kapital für „Radiotopia-Partys“ gesammelt werden. Hier können sich Hörer und Hörerinnen auch im echten Leben kennenlernen. Warum das nicht ganz so abwegig ist, erkläre ich später – an dieser Stelle müsst ihr das erst einmal hinnehmen. Mein persönliches Highlight war das dritte Stretch Goal, das ab 500.000 US-Dollar erreicht wurde: Alle Shows versprachen ein „Level Up“. Für einige Shows hat das mehr Programm-Output bedeutet. Für andere ging es um „Soziales“: Bezahlte Praktika und Krankenversicherung für die Mitarbeiter. Das sind normalerweise Detailfragen, die uns als Hörern nicht gegenwärtig sind. Dabei betreffen gerade diese Punkte nahezu jeden Freiberufler und Nachwuchs-Radiomacher. Das letzte und (objektiv) vielleicht wichtigste Stretch Goal ist ein Fond für neue Radioshows. Damit soll neuen Producern das nötige Startkapital für die Pilot-Sendungen ihrer Projekte gegeben werden, die bisher in den traditionellen Medien wenig oder gar keinen Platz gefunden haben. Mehr als 21.000 Menschen haben für die Sendungen und Ideen von Radiotopia Geld gegeben. Die Bindung zwischen den Radiomacherinnen und ihren Hörern ist extrem eng, was zum Beispiel dieser Kommentar zeigt: „I almost feel giddy with excitement. And I'm the one who is *giving* you money. I can only imagine what it's like to be at the receiving end.“ Er steht für viele hundert andere. Jetzt wird vielleicht auch deutlicher, warum Radiotopia-Partys keine ganz abwegige Idee sind. Es gibt offenbar das Bedürfnis, die Hosts und andere Hörer (also Mitglieder der Community) kennenzulernen. Noch mehr Geld, 1,5 Millionen US-Dollar Risikokapital, hat Gimlet Media eingesammelt. Gegründet wurde die Firma von Alex Blumberg, der jahrelang als Reporter für This American Life und Planet Money (Hörtipp!) gearbeitet hat. In seiner ersten Show (StartUp) berichtet Blumberg in bisher zehn Episoden über den durchaus unterhaltsamen Gründungsprozess seiner Firma. Ob Gimlet bezahlte Praktika anbietet und die Krankenversicherung für die Angestellten übernimmt, kann ich nicht sagen. Aber spannend ist das Projekt trotzdem: Meines Wissens nach ist es einer der ersten wenn nicht gar der erste privatwirtschaftliche Versuch, mit Storytelling-Podcasts im Netz Geld zu verdienen – von einem Radiomacher. Beide Projeke zeigen, wohin sich gute Audioinhalte entwickeln können: Unabhängig(er) von zentralen Strukturen und Vorgaben, nicht nur auf den Content beschränkt und damit auch sozialer gegenüber den Machern.

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