DokKa 4 Tag 1

Materialfragen   Der eine hat zu viel, der andere gerade genug Material um seine Geschicnte zu erzählen. Was Dokumentaristen auszeichnet ist ihre Hartnäckigkeit, ihre Ausdauer, lange zu beobachten und genau hinzuschauen. „Marienstraße“ – da galt es Gespräche zu führen, die  Karlsruher Südstadt genau kennenzulernen, ehe die ersten Aufnahmen beginnen konnten. Matthias Koßmehl mietete sich erst einmal im „Café Waldluft „ein, lernte die Menschen kennen, gewann ihre Vertrauen. Eigentlich wollte er Stoff für einen Spielfilm sammeln, bis er merkte, daß die Wirklichkeit Geschichten bietet, die man besser nicht erzählen kann, als sie einfach abzubilden.  Er drehte Stunden über Stunden, immer gab es neue Wendungen. Das Ende des Films stellt sich jetzt wohl als Unterbrechung heraus, wie er im Gespräch erzählt, Café Waldluft wurde inzwischen geräumt, die Asylsuchenden kamen in größere anonyme Lager, die Wirtin überlegt, wie es für sie weitergehen kann. Wird das Cafe verkauft, abgerissen oder gibt es Alternativen? – Al Jazeera strahlte den Film unter dem Titel „Welcome To Germany“ aus. Lang ist sie her, die Zeit, als Deutschland für „Willkommenskultur“ stand. Am Café Waldluft läßt sich diese Entwicklung zeigen, der Autor bleibt dran, dreht weiter. Zwei Jahre lang sammelte auch Maike Hildebrand O-Töne für ihre Hördokumentation „Remco der Transmann“. Immer wieder besuchte sie ihn, fuhr zu Freunden und der Familie, verfolgte die jede Wendung seiner Geschichte, sie wollte hören, ob und wie sich seine Stimme veränderte während der Hormon-Behandlung. Bei der Produktion von „Dil Leyla“ gab es das gegenteilige Problem. Nur drei Mal konnte die Autorin ihre Protagonistin treffen. Das Projekt war langfristiger angelegt, wollte zeigen, was eine in Deutschland sozialisierte Kurdin in ihrer Heimat bewirken kann als eine der jüngsten Bürgermeisterinnen. Sie will Bäume pflanzen, Parks und Spielplätze bauen, den Markt sanieren, ein neues Schlachthaus bauen. Dann kehrt der Konflikt mit der türkischen Regierung zurück, 2015 als die Partei der Kurdischen Interessen HDP ins Parlament einzieht und die absolute Mehrheit von Erdogans AKP bricht, endet die friedliche Phase, Cizre, die Stadt Leylas gerät ins Zentrum der Kämpfe, wird nahezu zerstört rund 300 Menschen kamen bei einem Massacker ums Leben, Leyla wurde in einem Interview falsch zitiert, sie wurde der Volksverhetzung angeklagt und des Amtes enthoben. Der Film erfuhr eine dramatische Wende. Nur einmal noch konnte die Autorin mit einer kleinen Handkamera im Schutz einer EU-Delegation nach Cizre fahren, ansonsten mußten die Versuche der Verwandten in Bremen sie zu erreichen genügen, um die Geschichte zu erzählen, ein Auftritt vor der HDP-Fraktion in Ankara, dann gibt es keine Bilder mehr, Leyla bleibt verschwunden. Das Material ist knapp, das Fragmentarische wirft Fragen auf, und beeindruckt vielleicht gerade dadurch.

Jan Soldat schließlich ist bei der Arbeit an „Happy Happy Baby“ wiederum im Material schier ertrunken, wie er erzählt. Viele Geschichte von Adult Babys hat er gesammelt, die Beschränkung fiel ihm sichtbar schwer, erweist sich aber als angemessen. Zu berücksichtigen ist die Verantwortung gegenüber den Porträtierten, er will sie nicht bloßstellen oder vorführen, möchte ihnen gerecht werden. Er spricht auch die Vorführungen mit ihnen ab, und möchte nicht, daß das Gespräch aufgenommen wird, damit es freier geführt werden kann. Ausdauer und Verantwortung zeichnen offenbar Dokumentaristen aus.

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